Von Hamburg über Helgoland zur Ostsee. Oder auch nicht.

Die Marina von Cuxhaven im Abendrot.
Die Marina von Cuxhaven im Abendrot.

Diese Geschichte spielt vom 8. bis 12. Mai.

Jungejunge, was für ein Glück wir haben!

Am Sonntag ging es von Wedel nach Cuxhaven, bei allerbestem Wetter: Sonne, schön warm, kaum Wind. Für die Seglerkollegen war der wenige Wind ärgerlich, für uns aber wunderbar.

Wir haben eine Woche Urlaub und wollen sehr entspannt die JULIUS in die Ostsee überführen, in unseren Sommerhafen nach Damp. Und weil wir also Zeit haben und ich ohnehin noch Brennstoff bunkern muss, möchten wir das erste Mal gemeinsam Helgoland besuchen.

Meine bisherigen Helgoland Erlebnisse beschränkten sich auf Fahrten bei Starkwind, Kälte und Schneeregen. Alleine oder mit einer Männercrew. Schnell hin, bunkern, nächsten Tag gleich zurück – von der Insel selbst habe ich bisher nichts gesehen.

Aber mit der Familie nach Helgoland? Die Nordsee kann bekanntermaßen unfreundlich sein – mehr als einmal habe ich bei mir gedacht „Wenn da ordentlich Wind ist, gibt’s gleich Mecker beim ersten Törn des Jahres…“.

Das Wetter soll sich aber tatsächlich stabil über die ganze Woche halten, mit sehr wenig Wind, viel Sonne und angenehmen Temperaturen. Perfekt, besser geht es nicht!

Fahrt nach Helgoland bei ganz ruhiger Nordsee.
Kann das die Nordsee sein? So ruhig?

Am Montag laufen wir wie geplant aus Cuxhaven aus: Kurs Helgoland. Das ist nicht weit, ungefähr 35 Seemeilen. Natürlich fahren wir mit der Tide, und so wird die Fahrt nur knapp fünf Stunden dauern.

„Wirklich erstaunlich, so habe ich die Nordsee bisher nicht erlebt!“

sage ich nach ein paar Stunden, als die Sände verlassen und wir wirklich auf offenem Wasser sind. Es geht nur eine ganz leichte Dünung, das Boot läuft schnurgerade und ganz friedlich durch das Wasser. Ach, so schön kann Seefahrt sein!

Helgoland voraus!
Helgoland voraus!

Bald ist die Hochseeinsel voraus, und wir alle sind noch immer etwas ungläubig ob dieser entspannten Überfahrt. Doch irgendwas macht mich stutzig. Das Boot, es hört sich nicht so an wie immer. Als Motorkreuzer hören wir unterwegs neben dem Geplätscher des Wassers natürlich den sonoren, tiefen Sound der 8,5 Liter Hubraum. Dazu im Hintergrund das Klicken der Ruderanlagen-Steuerventile und die Maschinenraum-Ventilation.

Aber jetzt ist da noch was.

„Steffi, halt du mal bitte kurz Wache, ich muss mal nach unten und was nachgucken.“

„Alles klar, mach ich.“

Ich verfolge das Geräusch nach achtern, im Bad ist es recht deutlich zu hören, vor allem in der Nähe des Bodens: Ein starkes, ungesund klingendes Vibrieren. So was kann eigentlich nur aus dem Maschinenraum kommen. Tatsächlich, als ich dessen Tür öffne, höre ich das komische Geräusch deutlich – trotz des nun deutlichen Lärms der Hauptmaschine.

Mein Blick wandert durch die Maschinerie und bleibt bei einem Hochdruckschlauch hängen, der die Hydraulikpumpe mit der weiteren Verteilung verbindet.

„Mmh… der Schlauch vibriert.“ denke ich und hebe ihn ein wenig an – und schon ist das Geräusch verschwunden. Da stimmt ganz bestimmt etwas nicht. Aber was?

Während ich mich mit der Technik von so einem Boot ja mittlerweile gut auskenne, hatte ich mit Hydraulik bisher sehr wenig Kontakt. Das Grundprinzip ist klar: Öl wird aus einem Vorratsbehälter gesaugt, auf Hochdruck gebracht und zu einem Zylinder geführt. Aber mit wie viel Druck? Welcher Schlauch hat welche Funktion? Das wusste ich bisher nicht.

Als ich probehalber die Versorgungsleitung der Pumpe absperre, hört die Vibration auf. Doch so viel Erfahrung habe ich ja doch, dass ich instinktiv denke: Eine Hydraulikpumpe, die zu lange trocken läuft, nimmt bestimmt Schaden.

„20 Minuten noch bis zum Hafen. Was nun? Alles lassen wie es ist und riskieren, dass durch die Vibration weitere Schäden entstehen? Oder den Hahn abdrehen und hoffen, dass die Pumpe das so lange übersteht?“

Nach kurzer Überlegung drehe ich den Hahn ab und hoffe und das Beste. Tatsächlich kommen wir ohne Probleme in den Hafen. Morgen wollen wir ohnehin auf Helgoland bleiben, dann kann ich mir das Problem bei abgekühlter Maschine noch mal in Ruhe ansehen.

Den Rest des Tages haben wir mit einer ersten Wanderung über die Insel verbracht. Und? Helgoland ist schön!

Tiefblaues Wasser, blauer Himmel, rote Felsen, grünes Gras. Tolle Farben.
Tiefblaues Wasser, blauer Himmel, rote Felsen, grünes Gras. Tolle Farben.

Die Landschaft, die Felsen, das tiefblaue Meer rundherum – das hat wirklich einen besonderen Charme. Der Weg „einmal rund“ ist gut gemacht und lässt sich bequem ablaufen. Und dazu das perfekte Wetter!

Wie wir von MareTV wissen, ist Helgoland die Teilzeitheimat von diversen Vögeln. Eigentlich interessieren uns diese Tiere nur mäßig, aber von den Tausenden Basstölpeln, Trottellummen, Eissturmvögeln und Möven, die teilweise direkt neben dem Wanderweg hocken und sich keineswegs von Menschen mit meterlangen Objektiven stören lassen, sind wir doch beeindruckt.

Basstölpel im Sommer auf Helgoland.
„Guten Tag, Sie möchten ein Foto? Bitte schön!“

Obgleich es eine eher kleine Insel ist, bietet sie eine erstaunliche Vielfalt. Schroffe Felsen und Klippen, feiner Sandstrand, Ober- und Unterland, knuffige Häuser, Wasser in allen Farbnuancen. Und überall eine entspannte Atmosphäre: Hier sind wir auf einer Hochseeinsel, hier ist das Leben weniger hektisch.

Strand auf Helgoland im Sommer.
Ein Stück Strand und Wasser in allen Farbnuancen.

Ein schöner Tag geht zu Ende – auch weil ich das Malheur mit der Hydraulik erstmal erfolgreich verdrängt habe.


Der Dienstag begann wie eigentlich immer: Mit frühem Aufstehen gegen sechs Uhr.

Zumindest für mich. Wir wollen heute auf Helgoland bleiben, es besteht also eigentlich keinerlei Notwendigkeit, derart zeitig aufzustehen. Außer, man hat einen Bordhund, der seinem Herren seinen ganz eigenen Biorythmus aufdrängt.

Erstaunlich allerdings ist, wie viel Betrieb hier um diese Zeit bereits herrscht. So viele geschäftige Menschen bereits um diese Zeit sind sonst eher selten zu sehen. Unser Plan für diesen Tag: Shoppen für die Mädels. Analyse der Hydraulikproblematik für den Skipper. Und Nachmittags Brennstoff bunkern.

Das technische Problem war schnell geklärt: Zu wenig Öl. Die Pumpe hat teilweise Luft angesaugt, was dann zu den Vibrationen geführt hat. Und wie verschwindet Öl in einem geschlossenen Hydrauliksystem?

Durch ein Loch in einem Schlauch – und genau das habe ich nach kurzer Suche auch gefunden. Sehr ärgerliche Sache, denn mit Bordmitteln lässt sich das nicht instand setzen. Und auf Helgoland habe ich niemanden gefunden, der so einen Schlauch hätte neu herstellen können.

Also: Wir mussten wieder nach Hamburg, zur Julius Grube Werft. Für die Jungs dort ist so ein Job eine Kleinigkeit!

Vorher musste ich die Anlage aber wieder in einen vorübergehend betriebssicheren Zustand versetzen… und das erwies sich als überraschend einfach: Bei der Bunkerstation habe ich ATF Getriebeöl bekommen, das problemlos auch für die Hydraulik verwendet werden kann. Und solange die Stabilisatoren ausgeschaltet bleiben, kommt das Öl nicht zum defekten Schlauch und kann damit auch nicht verloren gehen. Somit kann die Pumpe wieder brav arbeiten und wir können problemlos fahren.

Nachdem die Technik nun also wieder stabil war, konnten Leo und ich auch shoppen gehen: Abmarsch zur Bunkerstation!

Die JULIUS in Fahrt - unterwegs vom Südhafen zur Bunkerstation.
Die JULIUS in Fahrt – unterwegs vom Südhafen zur Bunkerstation.

Was für eine angenehme Abwechslung, mal bei Sonne und über 20° zu bunkern! Denn: Bei der JULIUS ist das eine eher langwierige Prozedur. Die Zapfpistole liefert aus Sicht der 2 x 1.500 Liter Tanks nur ein Rinnsal. Und so dauert die Aktion fast zwei Stunden, bis wir 2.030 Liter guten Helgoländer Diesel (ohne Bio – also keine Dieselpest!) übernommen haben. Nun können wir die ganze Saison bis weit in das nächste Jahr hinein unterwegs sein, ohne wieder Tanken zu müssen.

Auch die Mädels sind erfolgreich und Bordhund Ole ist platt von dem vielen Marschieren bei der Wärme. Zeit für eine kurze Siesta. Den Abend verbringen wir in einer Pizzeria, in der eine Horde Crew eines niederländischen Großseglers für unterhaltende Szenen sorgt.


Die Fahrt von Helgoland zurück zur Elbe am Mittwoch verläuft im allerbesten Sinne ohne Vorkommnisse: Das Wetter ist weiterhin unfassbar gut, die Nordsee ganz ruhig, die Hydraulik hat normale Betriebstemperatur und wir kommen nach einer weiteren genußreichen Seefahrt wieder in Cuxhaven an.

Mein Ärger darüber, dass wir nun wieder dort liegen und nicht in den Kanal einschleusen um zur Ostsee zu kommen, ist mittlerweile fast verflogen. Besser. so ein Problem tritt jetzt auf, als im Sommerurlaub irgendwo in der schwedischen Wildnis.


Nun haben wir noch ein paar Tage, aber eigentlich nur noch eine Tagesetappe bis zur Julius Grube Werft. So machen wir noch mal Halt in Glückstadt. Dieser nette Ort gefällt uns immer.

Ganz ungewohnt ist es allerdings, mal quasi in der Saison hier zu sein. Der Außenhafen von Glückstadt ist schon am Nachmittag voll!

Wir finden eine kreative Lösung, legen uns längs an zwei große Pfähle und nutzen das Schlauchboot, um die große Lücke zwischen Boot und Steg zu überbrücken. Eine Vor- und eine Achterleine relativ locker um die Pfähle, und zwei Springs an den Schwimmsteg – das funktioniert auch mit dem wechselnden Wasserstand problemlos.

Abends legt sich aus Verzweiflung sogar ein Segler bei uns ins Päckchen. Ich glaube, dass man nur via Schlauchboot auf den Steg kommt, hat er vorher nicht gesehen.

Anlegen quer an den Pfählen im Außenhafen von Glückstadt.
Kreatives Anlegen in Glückstadt.

Der Urlaub endet mit der Rückfahrt nach Hamburg, die ja schon geübte Routine ist. Bedingt durch den Hafengeburtstag ist allerdings massiv Verkehr bei den Landungsbrücken, wir kommen aber problemlos durch und legen kurze Zeit später bei der Werft an.

Einerseits hatten wir also Pech, dass wir nicht zur Ostsee gekommen sind. Das wird aber durch das viele Glück mit dem Wetter mehr als aufgewogen: Besser hätte der erste Törn nach Helgoland mit Familie nicht laufen können.


Nachwort: In der folgenden Woche haben die Jungs von Julius Grube den defekten (und ein paar andere) Schläuche getauscht, wieder echtes Hydrauliköl eingefüllt und das System arbeitet normal. Die Pumpe hat die 20 Minuten „Trockenlauf“ (letztlich war ja noch Restöl in der Pumpe) gut überstanden.


5 Kommentare zu “Von Hamburg über Helgoland zur Ostsee. Oder auch nicht.

  1. Michael

    Hallo Julian,

    ganz tolle Story…….als wenn ich dabei gewesen wäre…..bin ich aber nicht….leider wäre ich aber gern… schade…
    Die Tour hätte mir und meinem Schiff großen Spaß gemacht, auch meiner Crew….

    Danke Michael

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