Seefahrer, seit er acht Jahre alt ist: Michael und seine Boote

M/V CRUM: Ein Schiff für Bedingungen, die kaum vorstellbar sind.
M/V CRUM: Ein Schiff für Bedingungen, die kaum vorstellbar sind.

Auf Hönö hatten wir auf Einladung an einem „Rettungskreuzer“ festgemacht. Mit dessen Besitzer, Michael Rasmussen (www.crumcrew.se) hatte ich nach dem Anleger etwas geschnackt. Anschließend ging Michael zu seinem zweiten Boot, der MIRA, die hinter der CRUM liegt und auf der er seit sechzehn Jahren wohnt.

Hinter der CRUM liegt die MIRA, ein ebenfalls polartaugliches Schiff, auf dem Michael seit 16 Jahren wohnt.
Hinter der CRUM liegt die MIRA, ein ebenfalls polartaugliches Schiff, auf dem Michael seit 16 Jahren wohnt.

Später, am frühen Abend, sorgten unsere Hunde für ein erneutes Treffen: Auf der MIRA lebt Michaels Hund Clara, ein portugiesischer Wasserhund, der pro Tag seine zwei Kilometer (!) schwimmt. Übrigens bei jedem Wetter.

Clara ist sehr dominant: Als sie vom Vordeck der MIRA aus unseren Kooikerhondje Ole entdeckte, hat sie erstmal lautstark die Rangordnung klargemacht und Michael dabei vom Essen aufgeschreckt. Er kam also auf sein Vordeck, was bestimmt zwei Meter über unserem Achterdeck ist, um Clara zu beruhigen.

„Das ist aber auch ein interessantes Schiff, was Sie da haben. Was hatte das ursprünglich für einen Einsatzzweck?“

sprach ich Michael von unserem Achterdeck aus an, während ich zu ihm und seiner Clara aufblickte.

„Ich komme gleich rüber und kann gerne erzählen, ich esse erstmal fertig!“

kam seine Antwort.

Darüber habe ich mich sehr gefreut. Ich mag es immer, mich über Schiffe im allgemeinen und solche interessanten Exemplare wie die CRUM und die MIRA im Besonderen zu unterhalten. So holte ich gutes deutsches Bier aus der Kühlung und war wieder auf dem Weg nach draußen, woraufhin Steffi anmerkte:

„Von Claus wissen wir doch, dass die Schweden gerne Whisky trinken, nimm‘ mal lieber einen mit…“

Gemeint war damit der Film Zeitmillionär von Claus Aktoprak, wo Claus erzählt, dass Schweden gerne zu ihm aufs Boot zu exakt zwei Gläsern Whisky gekommen sind und sich danach höflich bedankt und verabschiedet haben.

Einige sehr brauchbare schottische Single Malts warten in unserer Bordbar geduldig auf Verzehr, und so schnappte ich einen davon und zwei Gläser, zusätzlich zu dem Bier, und wartete auf Michael.

Er kam dann einige Minuten später zu seiner CRUM, lehnte meinen Whisky ab, freute sich aber über mein Bier und lud mich in den Salon der CRUM ein. 

Salon und innerer Fahrstand der CRUM
Salon und innerer Fahrstand der CRUM

Michael Rasmussen hatte in Deutschland irgendwo beim Schwarzwald gelernt, was erklärt, warum er sehr gut deutsch spricht. Er ist herumgekommen in der Welt und war lange als Industriedesigner tätig, in verschiedensten Branchen. Von Instrumentenkonsolen für Autos bis hin zu Verbandskästen (einen „seiner“ Verbandskästen entdeckte er beim späteren Gegenbesuch auf unserer JULIUS) hat er unzählige Produkte entworfen. Daneben ist er Künstler und beherrscht verschiedenste Gewerke: Er hat seine MIRA zu großen Teilen selbst ausgebaut.

Vor allem ist Michael: Seefahrer, wozu er folgende Anekdote erzählte:

„Mit acht Jahren habe ich mir ein Floß gebaut und bemerkt, dass es eine Land- und eine Seebrise gibt. Also bin ich nachmittags, als der Wind vom Land zur See wehte, los gefahren und wollte nach New York.“

„Und…? Wie weit bist Du gekommen…?“

frage ich dazwischen.

„Irgendwann kam dann ein Rettungskreuzer, von dem aus ich gefragt wurde ‚Na Kapitän, wo soll es denn hingehen?'“

antwortete Michael und lächelte bei der Erinnerung.

Michael Rassmussen - ich entschuldige mich für das Foto mit geschlossenen Augen.
Michael Rassmussen – ich entschuldige mich für das Foto mit geschlossenen Augen.

Es folgten eine Reihe weiterer interessanter Geschichten – Michael Rasmussen kann gut erzählen und ist ein schlauer Kopf, der sich offensichtlich in vielen – vor allem natürlich bootsrelevanten – Themen auskennt. Dementsprechend haben wir uns natürlich viel über seegehende Boote und vor allem der CRUM unterhalten. Gänzlich unbeleckt bin ich in diesem Bereich ja auch nicht mehr, aber Michael kann ich sicher nicht das Wasser reichen.

Denn: er hat die MIRA, die CRUM und sechs Boote vorher selbst entworfen und gezeichnet. Die CRUM ist sozusagen sein Meisterstück.

Und was für ein Meisterstück das ist! 

Leo, Lena und ich haben eine Führung durch die CRUM und die MIRA bekommen. Von der MIRA wollte ich keine Fotos machen, denn sie ist Michaels Heim und das gehört nicht ins Blog. Von der CRUM aber durfte ich viele Bilder machen, und so kann ich von ein paar Highlights dieses Schiffes erzählen.

M/V CRUM – Ein Schiff für die allerhärtesten Bedingungen

M/V CRUM am Kai in Hönö
M/V CRUM am Kai in Hönö

Die CRUM hat Michael entworfen, um damit Abenteuer wie eine Reise durch die Nord-West Passage zu bestehen. Egal welche Bedingungen herrschen, die CRUM soll sie aushalten können.

Das Schiff ist etwas über 17 Meter lang, 5,5m breit und einen Tiefgang von nur 1,3m. Bei einer Marschfahrt von 10 Knoten (was eben unter der Rumpfgeschwindigkeit liegt) verbrennen zwei Volvo-Penta Diesel knappe 20 Liter pro Stunde. 9,5 Tonnen Brennstoff kann die CRUM mitführen, was eine (theoretische) Reichweite 4.750 Seemeilen ergibt – bei 10 Knoten!

Bei gemäßigter Fahrt steigt die Reichweite also noch erheblich, davon muss aber noch Brennstoff für die Heizung und ggf. Generator abgezogen werden.

Die CRUM ist für Temperaturen bis -45° Celsius ausgelegt. Bis zu dieser Kälte kann das Schiff also mit der eingebauten Heizung warm gehalten werden.

Ein paar weitere grundlegende Daten:

  • Hülle aus sehr hochwertigem Marine-Aluminium.
  • Zwei Maschinen, jeder Propeller durch einen Kiel geschützt.
  • Kann auf jedem Meeresboden trockenfallen.
  • Aufteilung in Abschnitte, die jeweils wasserdicht versiegelt werden können.
  • Jeder Abschnitt kann einzeln gelenzt werden.
  • Anti-Roll System durch einen Flume Anti-Roll Tank.
  • Eine Kielkühlung macht die Maschinen völlig unabhängig vom Frost.
  • Exzessive Sicherheits- und Kommunikationsausrüstung.

Das Schiff ist selbstaufrichtend (was auch getestet wurde!) und ist dafür konstruiert, einen freien Fall aus bis zu 20 Metern zu überstehen.

„Wozu muss ein Boot einen freien Fall aus zwanzig Metern überstehen können…?“

hake ich kurz nach. Die Erklärung: Es gibt Regionen, wo die Wassertiefe von mehreren tausend Metern auf unter hundert Meter innerhalb kürzester Zeit ansteigt. Dort können, bei sehr, sehr, sehr schlechtem Wetter, riesige Wellen entstehen, bei denen ein Boot vom Wellenberg zum Wellental wie im freien Fall herabstürzen könnte. Das ist ein absolutes Extrem – keine Frage, aber für Extreme ist die CRUM eben auch gebaut.

Es gibt unzählige faszinierende Details bei diesem Schiff. Einige habe ich versucht, mit Fotos einzufangen:

Der innere Fahrstand. Zu beachten sind die Anschnallgurte am Steuerstuhl.
Der innere Fahrstand. Zu beachten sind die Anschnallgurte am Steuerstuhl, damit der Steuermann auch bei den härtesten Schlägen sicher am Platz bleibt.
Steuerstand mit professioneller Furuno Ausrüstung und Redundanz durch zwei Plotter.
Steuerstand mit professioneller Furuno Ausrüstung und Redundanz durch zwei Plotter.
Die Maschinenkontrolle erfolgt elektrisch, im Maschinenraum selbst ist aber ein mechanisches Notfallsystem.
Die Maschinenkontrolle erfolgt elektrisch, im Maschinenraum selbst ist aber ein mechanisches Notfallsystem.
Trotz Arbeitsboot-Character ist der Salon sehr wohnlich.
Trotz Arbeitsboot-Charakter ist der Salon sehr wohnlich.
Funkerplatz mit hochwertiger, weltweiter Kommunikation über Kurzwelle. An der Wand hängen Headsets für die Kommunikation zwischen Crew-Mitgliedern draußen und drinnen.
Funkerplatz mit hochwertiger, weltweiter Kommunikation über Kurzwelle. An der Wand hängen Headsets für die Kommunikation zwischen Crew-Mitgliedern draußen und drinnen.
Direkt neben dem Eingang der Schrank für Ölzeug und Rettungswesten sowie Feuerlöscher und erste Hilfe Sets.
Direkt neben dem Eingang der Schrank für Ölzeug und Rettungswesten sowie Feuerlöscher und erste Hilfe Sets.
Ebenfalls direkt neben dem Eingang: Eine Axt und ein Messer, um im Notfall schnell Leinen trennen zu können.
Ebenfalls direkt neben dem Eingang: Eine Axt und ein Messer, um im Notfall schnell Leinen trennen zu können.
Der Niedergang zum vorderen Bereich.
Der Niedergang zum vorderen Bereich.
Die Stimmung der Crew hängt vom Essen ab. Mit dieser Pantry ist das vermutlich kein Problem.
Die Stimmung der Crew hängt vom Essen ab. Mit dieser Pantry ist das vermutlich kein Problem.
Großer Kühl- und Tiefkühlschrank für frische Lebensmittel.
Großer Kühl- und Tiefkühlschrank für frische Lebensmittel.
Die vordere Kammer mit eigener Nasszelle.
Die vordere Kammer mit eigener Nasszelle.
Sehr schlau: Elektronik ist in einem eigenen Raum getrennt von der heißen Maschine untergebracht.
Sehr schlau: Elektronik ist in einem eigenen Raum getrennt von der heißen Maschine untergebracht.
Niedergang nach achtern: Zur Werkstatt, Maschinenraum und Käptn's Quartier
Niedergang nach achtern: Zur Werkstatt, Maschinenraum und Käptn’s Quartier
Eine Werkbank, außerhalb des Maschinenraums. Sowas hätte ich auch gerne.
Eine Werkbank, außerhalb des Maschinenraums. Sowas hätte ich auch gerne.
Das Quartier des Kapitäns mit großer Koje und Schreibtisch (nicht im Bild).
Das Quartier des Kapitäns mit großer Koje und Schreibtisch (nicht im Bild).
Die Tür zum Maschinenraum mit einem klassischen Guckloch, um vor Eintritt in den Raum zu prüfen, ob alles in Ordnung ist. Eine Videoüberwachung von der Brücke aus gibt es aber natürlich auch.
Die Tür zum Maschinenraum mit einem klassischen Guckloch, um vor Eintritt in den Raum zu prüfen, ob alles in Ordnung ist. Eine Videoüberwachung von der Brücke aus gibt es aber natürlich auch.
Zugang zur Maschine. Mit griffbereitem Gehörschutz, Feuerlöscher und Axt.
Zugang zur Maschine. Mit griffbereitem Gehörschutz, Feuerlöscher und Axt.
Der erste Blick in den Maschinenraum: Noch eine Werkbank, und natürlich alles blitzsauber und aufgeräumt.
Der erste Blick in den Maschinenraum: Noch eine Werkbank, und natürlich alles blitzsauber und aufgeräumt.
Eine der beiden Volvo-Penta Schiffsdieseln mit IMO Label - die erste Generalüberholung ist bei 35.000 Betriebsstunden.
Eine der beiden Volvo-Penta Schiffsdieseln mit IMO Label – die erste Generalüberholung ist bei 35.000 Betriebsstunden.

 

Aus weiterem Abstand zu sehen: Der 13,5kW Onan Generator, in der Mitte ein Tagestank für den Brennstoff, Doppelfilter und eine Fluchttür.
Aus weiterem Abstand zu sehen: Der 13,5kW Onan Generator, in der Mitte ein Tagestank für den Brennstoff, Doppelfilter und eine Fluchttür.
Die Lenzanlage: Jeder Abschnitt kann einzeln ausgepumpt werden.
Die Lenzanlage: Jeder Abschnitt kann einzeln ausgepumpt werden.
Schaltpaneel in der Nähe des Fahrstands.
Schaltpaneel in der Nähe des Fahrstands.
Außenansicht mit Aufgang zur Flybridge
Außenansicht mit Aufgang zur Flybridge
Die Flybridge mit Sonnenschutz, voller Navigation und (kleiner) Feuerlöschkanone.
Die Flybridge mit Sonnenschutz, voller Navigation und (kleiner) Feuerlöschkanone.
Alle normalen Lüftungsöffnungen lassen sich verschließen, so dass eine "Schnorchelfahrt" nur noch mit sehr hoch gelegener Luftansaugung möglich ist.
Alle normalen Lüftungsöffnungen lassen sich verschließen, so dass eine „Schnorchelfahrt“ nur noch mit sehr hoch gelegener Luftansaugung möglich ist.
Stets einsatzbereites RIB mit hydraulischem Kran.
Stets einsatzbereites RIB mit hydraulischem Kran.
Vordeck mit Fluchtluk und Stauraum für diverse Ausrüstung.
Vordeck mit Fluchtluk und Stauraum für diverse Ausrüstung.

Alles kann ich selbst in diesem sehr ausführlichen Artikel nicht beschreiben. Doch einen Eindruck von den Fähigkeiten und den unzähligen Details dieses Schiffes hoffe ich vermittelt zu haben.

Braucht man das alles? Nein, normalerweise sicher nicht. Aber es war faszinierend zu sehen, was alles machbar ist. 

Momentan ist Michael dabei, die CRUM zu verkaufen – zu seinem Leidwesen. Die Abenteuer, für die dieses Schiff gemacht ist, sollen nun andere bestehen.

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