Durch plattes Land, knuffige Städte, enge Brücken.

Holländische Kanäle. Manchmal mit sehr engen Brückendurchfahrten.

Entfernt brummen Maschinen in dem roten KISS Autotransporter. Und trotzdem ist es heute Abend schön, hier im Yachthafen Emden, mitten im Industriegebiet.

Wir sind heute mit der Bahn von Hamburg gekommen. Die ganze Familie. Bordhund Ole hat sein Rudel wieder vollständig zusammen und fühlt sich sichtlich wohl damit. Es ist sehr warm, ein wunderbarer Sommertag, der nun in den Abend übergegangen ist.

Es ist alles eingeräumt und verstaut. Die Sonne geht gerade unter, und wir sitzen bei Apérol, Prosecco und Limonade auf dem Achterdeck und genießen die warme Luft, den klaren Himmel und das schöne, rötlich gelbe Licht am Horizont. Scharf heben sich die schwarzen Konturen der Hafenanlagen dagegen ab.

Ein Sommerabend in Emden.

Lange sitzen wir an diesem ersten Urlaubsabend zusammen und sprechen über die bevorstehende Reise nach Holland. Es ist ein einfaches Revier, ohne seemännische Herausforderungen. Aber die hatte ich ja nun auch erstmal bei meiner Solo-Überführung von Damp nach Emden (siehe vorige Geschichten).

Ich hole die Petroleumlampe, zünde sie an und es bleibt noch lange gemütlich. So ein warmer, langer Abend. Davon darf es gerne noch viele weitere geben in den kommenden drei Wochen Urlaub.

Ein langer Sommerabend im warmen Schein der Petroleumlampe.

Der nächste Morgen zeigt, dass der gestrige Abend eher ein – hoffentlich nur kurzer – Abschied des Sommers war: Es ist grau, kühl und windig. Wir sehen ein paar Schaumkronen, nachdem wir abgelegt haben und über die Ems in Richtung Delfzijl unterwegs sind.

Das wird nun erstmal der letzte Törn sein, auf dem wir Wind und Wellen ausgesetzt sind. Seegang ist in Hollands Kanälen ein Fremdwort. Es schaukelt höchstens durch die Welle eines Binnenschiffes, Gläser und Geschirr können einfach auf dem Tisch stehen bleiben – eine ungewohnte Vorstellung für mich. Dies wird nun also meine erste Erfahrung als Binnen-Skipper werden.

Bei frischem Wind auf der Ems in Richtung Delfzijl unterwegs.

In Delfzijl gegenüber von Emden nimmt uns das holländische – oder vielmehr: friesländische – Kanalsystem auf. Eine erste Schleuse, dann sind wir unabhängig von Wind und Welle. Die erste größere Stadt ist Groningen, da möchten wir hin.

Die erste Schleuse des Urlaubs.

Dieses erste Stück durch Holland ist: langweilig. Ein breiter Kanal zieht sich durch plattes Land. Hier mal eine Windmühle, dort ein Häuschen. Autos, die auf einer parallelen Straße fahren. Dann mal eine Brücke. Häufig Binnenschiffe, die flott unterwegs sind und Aufmerksamkeit bei der Begegnung erfordern.

Die Familie und vor allem Ole genießen aber die ruhige Fahrt ohne jede Schaukelei. Der Hund läuft nach vorne, stellt sich auf, stützt sich mit den Pfoten auf dem Schanzkleid ab und guckt in die Gegend. Schafe und Kühe ziehen an uns vorbei. Als Hund ist das augenscheinlich eine spannende Fahrt.

Friesland: Platt. Eine Mühle hier und da. Ein Häuschen hier und da. Schafe, Kühe und viele Binnenschiffe auf dem breiten Kanal.

Der Wasserweg ist breit und häufig schnurgerade. Aber auch nicht so breit und gerade, dass ich den Autopiloten für mehr als ein paar Minuten die Arbeit übernehmen lassen kann. So bleibe ich am Steuer, stundenlang, bis wir Groningen erreichen.

Dort steht direkt vor dem Hafen eine Brücke, die für uns geöffnet werden muss. Das allerdings geht in diesem Fall nicht so einfach: Direkt auf der Brücke parkt ein Polizeiauto und leitete Verkehr um eine direkt nach der Brücke befindlichen Unfallstelle. Wir müssen also warten, bis alle polizeiliche Arbeit getan ist und die Unfallteilnehmer abgeschleppt wurden. Die Beamten werden ihren Grund haben, warum sie so auf der Brücke stehen, dass sie nicht geöffnet werden kann.

Nach langer Wartezeit kommen wir weiter und finden einen guten Platz direkt am Kai. In Holland ist es üblich, mitten in der Stadt zu liegen. Da die Orte hier meistens sehr hübsch sind, ist das eher Vor- als Nachteil.

Wir liegen mitten in Groningen: Ein netter Ort.

Unverhofft aber sehr willkommen ist es doch wieder warm und sonnig geworden. Die Karte zeigt, dass sich verschiedene Kanäle durch das Zentrum der Stadt ziehen. Wir könnten sie sogar mit der großen JULIUS durchfahren, müssten dann aber auf die Öffnung vieler Brücken warten. Nein, morgen wollen wir einen anderen, einfacheren Weg weiter in das Herz von Friesland nehmen.

Die viel bessere Lösung ist es, eine Stadtrundfahrt im Dinghy zu machen. So genießen wir eine langsame und sehr entspannte Fahrt im lauen Sommerabend durch die Grachten Groningens.

Kein Schaukeln, das Wasser direkt unter der Schnauze: Auch unser Hund genießt die Fahrt sichtlich.
Genuss direkt am Kanal in der Abendsonne mit einem kühlen Getränk in der Hand.

Bisher sind wir nur mit dem Auto durch Groningen gefahren und mein Eindruck von dieser Stadt war kein besonderer. Eher geschäftsmäßig, eher funktionale Gebäude, kein Grün.

Hier im Zentrum dagegen, vor allem vom Wasser aus, ist dieser Ort sehr hübsch und sympathisch. Freundliche Menschen sitzen überall am Ufer und genießen den Abend, strahlen eine gelassene, nette Atmosphäre aus. Alte, charmante Häuser stehen friedlich an passenden, neueren Gebäuden.

Im weiteren Verlauf der Fahrt kommen wir zuerst zu einem kleinen Schiffsfriedhof, wo ein paar sehr alte und sehr baufällige Kähne still vor sich hinrotten. Es gibt häufiger Liveaboards (Menschen, die auf einem Boot wohnen), die den Aufwand, ihr schwimmendes zu Hause zu unterhalten, grob unterschätzen. Das Ergebnis kann an Orten wie diesem hier besichtigt werden. Aber nur weil diese Boote nicht mehr unserem subjektiven Empfinden von Ästhetik entsprechen, müssen deren Bewohner nicht unglücklich sein – manchmal wird umso mehr Zufriedenheit empfunden, je einfacher das Leben ist.

Bewohnte Schiffe in Groningen – in unterschiedlichstem Pflegezustand.

Kurz danach werden die bewohnten Schiffe immer schöner und gepflegter. Das Wohnen auf dem Wasser ist in den Niederlanden nicht unüblich: Es gibt unzählige Kanäle, und auf einem Schiff zu leben ist ganz sicher nicht kostenlos, aber wohl doch günstiger als in einer Wohnung direkt an einer Gracht.

Schließlich erreichen wir wohl das Villenviertel auf dem Wasser. Schöne und teilweise sehr aufwändig gebaute Hausboote mit permanentem Anschluß an das Versorgungsnetz der Stadt. Das sind keine Verlegenheitslösungen, sondern exklusive Wohnprojekte. Schade, dass Hausboote bei uns immer in sehr unansehnliche Gegenden verbannt werden, wo sie doch wie hier wesentlich zum sympathischen Stadtbild beitragen könnten.

Hausboot mit Kleingarten.
Das Villenviertel auf dem Wasser.
Keine Verlegenheitslösung eines Liveaboards – vielmehr ein luxuriöses Wohnprojekt auf dem Wasser.

In den nächsten Tagen wandern wir entspannt durch Friesland. Unterfahren Brücken, durchfahren Schleusen, queren kleine Meere (ein „Meer“ ist in Holland ein See, während die „See“ unserem offenen Meer entspricht), übernachten in sympathischen und schönen Orten.

Die absolute Mehrheit der Motorboote sind auf diese Art unterwegs und erfreuen sich an der einfachen Navigation und dem Fehlen jeglichen Seegangs oder Wettereinflusses.

„Gibt es Bedingungen, wo so ein Binnenrevier nicht befahren werden kann?“

Überlege ich vor mich hin, während ich in irgendeinem der Kanäle wieder stundenlang am Ruder stehe.

„Nebel wäre schwierig mit der typischen Radar Anlage einer Yacht… und in der Nacht geht es wohl auch nicht… aber sonst…?“

Einfach los fahren, langsam von Ort zu Ort wandern – ich kann total nachvollziehen, dass diese Art mit dem Boot unterwegs zu sein für viele Menschen ein großes Vergnügen ist. Und auch meiner Familie gefällt genau das sehr gut.

Ich selbst bin aber noch unschlüssig, was ich von diesem Revier halten soll. Mir fehlt es, einfach irgendwo in der Natur zu ankern. Ja, in den Meeren geht das – theoretisch. Praktisch wird es mit 1,5m Tiefgang schon an vielen Stellen schwierig, weil die Meere eher überschwemmte Wiesen sind. Und mit Hund erscheint es mir kaum möglich: Wo an den Ufern mit Schilf und sonstigem Bewuchs soll ich mit dem Dinghy anlanden, um mit Ole Gassi zu gehen?

Völlig neu für mich ist die Erfahrung, stundenlang selbst am Ruder stehen zu müssen. Sonst habe ich einen Kurs, aktiviere den Autopiloten, bin von der Ruderarbeit entbunden und kann die Fahrt in Ruhe genießen.

Brücken erfordern es, den Geräteträger umzuklappen.
Straßenbeschilderung.
Ole gefällt diese Art des Reisens ausnehmend gut. Kein Seegang ist genau sein Ding.
In den meisten Ort lässt es sich wirklich gut und idyllisch liegen.

Wobei es durchaus Herausforderungen gibt: Wenn der Sohn einen Weg wählt, der für einen Dampfer unserer Größe grenzwertig ist zum Beispiel. Natürlich freut sich der Skipper über das Engagement des Sohnes und geht auf den Wunsch ein – um dann wenig später durch Brücken und Kanäle zu navigieren, die nur sehr wenig breiter als das eigene Boot sind.

Solche Highlights empfinde ich im Moment dann als spannend und interessant. Trotzdem bleibt ein irgendwie noch schwammiges Gefühl, dass dieses Revier und ich keine tiefe Freundschaft schließen.

Interessante Brückendurchfahrt.
Kurz hat Ole überlegt, einfach mal an Land zu springen – war ja nahe genug.
Wir fahren durch die Gärten der Anwohner.
Der gemütliche Platz für den Nachmittagskaffee.
Entspanntes Wasserwandern.

Letztlich kommen wir in Lemmer an, wo wir in das Isselmeer übergehen. Das ist kein Meer im Sinne der Ostsee oder Nordsee, eher ein Binnenmeer. Aber immerhin etwas offenes Wasser und damit eine willkommene Abwechslung.

Über das Isselmeer höre ich immer wieder schaurige Geschichten: Bei etwas Wind soll hier eine ganz fiese Welle stehen, die schon das Frühstück von so manchem Wassersportler eingefordert haben soll. In 2015 bei der Überführung der JULIUS konnte ich das aber nicht so recht teilen, obwohl wir da bei ordentlich Wind unterwegs waren. So habe ich dieses Gebiet als „meistens harmlos“ verbucht und freue mich auf das Gefühl, wieder weniger eingeengt zu sein.

Diese Geschichte spielt vom 30. Juni bis 3. Juli 2019.

7 Kommentare zu “Durch plattes Land, knuffige Städte, enge Brücken.

  1. albert Enz

    Hallo Julian
    Deine Beiträge lese ich immer sehr gerne, auch die Technischen. Die Beiträge sind immer sehr Interessant. Ich selber bin zwar selber auf einem Binnensee “ Vierwaldstättersee“. Habe jedoch die Kanäle in dieser Gegend während 2 Tagen im Jahr 2017 bei Testfahrten mit meiner neuen Steeler FF 53 kennengelernt.

    Gruss Albert

  2. Detlef

    Hi Julian,
    in den Niederlanden macht auch das Anlegen in der Natur viel Freude…Schau doch mal auf:

    marrekrite.fri

    Bis zu 3 Tage kostenloses anlegen in der freien Natur. Da hat auch Ole seine Freude !
    Aber bitte nicht in der High Saison…

    Grüße Detlef

    1. Julian Buß

      Hallo Detlef,

      ich habe viele solche Plätze gesehen und finde das Konzept super. Die meisten hatten aber keine Verbindung zum Land oder waren nur an einer winzigen Insel, da hätten wir mit dem Hund nicht laufen können. Andere waren mit 1,5m Tiefgang nicht erreichbar – im Detail also leider nicht so einfach.

      Und wir waren natürlich in der Hochsaison unterwegs 😉

      Alleine an so einem Platz zu liegen und die Einsamkeit und Natur zu genießen ist bestimmt toll!

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