Der völlig verkorkste Urlaubsanfang: Eine Kotztour in die Nacht hinein.

Wellen ziehen am Achterdeck vorbei bei Nordwest 5-6 (zu dem Zeitpunkt).
Wellen ziehen am Achterdeck vorbei bei Nordwest 5-6 (zu dem Zeitpunkt).

– Diese Geschichte spielt am 13. Juli 2018. –

„Das gibt es doch nicht. Wo kommen denn diese verdammten Wellen her?“

fluche ich vor mich hin. Ich stehe am Außensteuerstand, wir sind auf unserem ersten Törn im Sommerurlaub 2018 unterwegs und wollen von Damp nach Sejerø.

„Gott, ich hab die Schnauze so voll. Was für eine Scheiße. Jetzt kann das echt mal aufhören!“.

Die Vorhersage bei drei Wetterdiensten lautete: Nordwest 3 bis 4. Auf dem Stück von Damp bis an die Südspitze Langelangs war ein wenig Seegang zu erwarten, aber mit dieser Situation habe ich absolut nicht gerechnet.

Ein kräftiger Nordwest hat viel Zeit, um die Wellen anzufachen.
Ein kräftiger Nordwest hat viel Zeit, um die Wellen anzufachen.

Kurz nach dem Ablegen war es – wie bei westlichen Winden üblich – sehr ruhig. Wir wollen die Nacht durch fahren, und so hatte ich Leo die Wache übergeben und mich schlafen gelegt. Zwei Stunden später wache ich auf und dachte: „Das Boot bewegt sich erstaunlich heftig und unangenehm… was ist da los?“

An Deck fand ich Leo mit einem ziemlich unzufriedenen Gesichtsausdruck:

„Also, die versprochene ruhige See ist das hier nicht.“

meinte er. Nein, das war es schon zu dem Zeitpunkt nicht. Die Welle hab ich auf einen halben Meter geschätzt, eigentlich harmlos, aber sehr kurz und steil und daher wenig angenehm.

„Ich löse dich ab.“

sagte ich zu meinem Sohn. Ein Nicken, dann ging er wortlos unter Deck, warf sich eine Superpep ein und ging zur Achterkajüte, wo die See am wenigsten zu spüren ist. Zusammen mit Steffi, die auch schon eine „mir-ist-klar-dass-wir-daran-jetzt-nichts-ändern-können-aber-ich-finde-es-scheiße“ Stimmung hatte. Danach nahmen Wind und Welle kontinuierlich zu.

Bei einer Fahrt über die Ostsee von Damp in Richtung Langeland oder Ærø ist starker Nordwest ein sehr unangenehmer Gefährte. Er hat den weiten Weg vom kleinen Belt aus Zeit, um die See in Wallung zu bringen.

Nun haben wir noch bummelige sechs Seemeilen (eine Stunde Fahrt) bis zur Spitze von Langeland. Sechs Seemeilen und ein bisschen bis der Seegang durch den Landschutz der Insel abnimmt. Mittlerweile wehen sechs Windstärken, alle drei Sekunden kommen über ein Meter Welle direkt von der Seite. Jede Welle schaukelt das Boot auf, die Stabilisatoren erzeugen eine Gegenbewegung, noch bevor der Rumpf wieder Ruhe finden kann kommt schon die nächste Welle.

Becher und Gläser klirren, dumpfe Schläge laufen durch den Rumpf. Der arme Bordhund hat sich in die hinterste Ecke verkrochen und schaut mich mit flehenden Hundeaugen an: „Papa, mach, dass das aufhört.“.

Wie groß...? Sicher 1,5m, direkt von der Seite, mit brechenden Wellenkämmen.
Wie groß…? Sicher 1,5m, direkt von der Seite, mit brechenden Wellenkämmen.

Steffi steht im Niedergang:

„Schade um das Labskaus.“

Wir waren Mittags noch bei einem Richtfest, wo statt Gulaschkanone leckeres Labskaus serviert wurde. Nun haben die Fische etwas davon. Nur meine Tochter Lena hält sich erstaunlich wacker. Ohne Superpep sitzt sie im Salon und versucht, die unschöne Fahrt durch Quasseln rumzukriegen.

Drei Meilen noch.

Langeland ist längst in Sicht. Mittlerweile sind wir bei eine durchschnittlichen See von eineinhalb Meter angekommen. Die Wellenkämme sind auf Höhe der Reling, vom Salon aus sieht das recht beeindruckend aus. Eigentlich erstaunlich, wie gut die JULIUS das mitmacht. Für sich genommen sind die einzelnen Schiffsbewegungen gar nicht so wild, wenn eine See durchrauscht krängt sich das Boot vielleicht so 10 Grad. Und die Rückbewegung wird durch die Stabilisatoren gedämpft. In Summe und über die Zeit ist das aber schon eine ganz schöne Quälerei, zumal es völlig anders geplant war.

„So, nun ist echt gut!“

Gerade war eine zwei Meter Welle durchgerauscht, und die nächste ist schon in Sicht. Auf dem Achterdeck stehend sehe ich die See teilweise auf Höhe der Davits vorbei ziehen. Wir alle sehnen den Landschutz herbei, Langelands Spitze ist greifbar nahe.

Doch eine Prüfung gibt es noch für heute: Wir konnten den Kurs direkt auf die Insel zu nicht halten ohne eine noch üblere Schaukelei zu riskieren. Nun führt der Kurs an Langeland vorbei Richtung Seeland. Um nun aber endlich unter Landschutz zu kommen, müssen wir die Richtung deutlich ändern – und die See dann von schräg vorne nehmen. Das Boot wird weniger rollen, dafür aber zusätzlich stampfen, und in Kombination ist das eine noch unangenehmere Bewegung.

Es hilft nichts, da müssen wir jetzt auch noch durch.

Ich gehe wieder an den Außensteuerstand, ändere den Kurs und halte eine Hand am Gashebel. Die JULIUS dreht den Bug in die Wellen und der Tanz geht los. Bei den ganz großen Wellen nehme ich kurz Gas weg und damit Fahrt aus dem Schiff, dann knallt es nicht so wenn uns das Wasser trifft. So bin ich permanent konzentriert und beschäftigt und kann nur zusehen, wie Lena nun doch noch in eine schnell von Steffi organisierte Schüssel kotzt.

Zwanzig Minuten später wird es ruhiger. Wir haben die Spitze der Insel passiert und die Wellenhöhe nimmt spürbar ab. Ich nehme die Hand vom Gas und fange an, mich wieder zu entspannen. Es rollt und stampft noch, aber es wird nur noch Minuten dauern bis das Boot wieder ruhig fährt. Nach achtern schauend schau ich der Nationale zu, wie sie heftig im Wind flattert. Der Windmesser zeigt sechs Windstärken und in Böen darüber an, und vier waren angesagt. Ein schlechter Start in den Urlaub, das kann man nicht anders sagen.

Es ist geschafft: Endlich unter Landschutz.
Es ist geschafft: Endlich unter Landschutz.

Drinnen werden Wunden geleckt. Eine Luke bei den Kindern war offen und die Ostsee hat den Matratzen Guten Tag gesagt, der Hund sitzt verängstigt in einer Ecke, die Stimmung ist gedrückt. Das geht aber vorbei, und Verluste an Material sind nicht zu beklagen.

Der Skipper schaut auf seine Crew, die nun im Salon versammelt ist:

„Ich bin stolz auf euch. Es war eine Scheißtour, aber ihr habt super ausgehalten!“

Nun werden Brote geschmiert und wir überlegen, wie es weiter geht. Auf Sejerø hat niemand Lust mehr, da müssten wir noch mal aus dem Landschutz heraus. Trotzdem wollen wir noch ein gutes Stück Strecke machen. Doch jetzt stehen erstmal die Brote auf dem Tisch, und die schmecken jetzt allen besser als ein fünf Sterne Menü.


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