Vejle, Legoland und ein enges Fahrwasser im Dunkeln

Vejle bekommt eine interessante "Hafencity"
Vejle bekommt eine interessante „Hafencity“

Gestern war es weder sinnvoll, nach Juelsminde noch nach Vejle zu kommen (hier klicken um die Geschichte zu lesen), heute dagegen ist es überhaupt kein Problem. Der Wind hat auf angenehme vier bis fünf abgenommen, von den heftig bremsenden und gegenan stehenden Wellen ist nicht mal die Hälfte übrig geblieben. Kühl ist es immer noch, etwas anderes erwarten wir in diesem Urlaub aber auch nicht mehr.

Wir brechen halbwegs zeitig auf, nach Vejle sind es immerhin noch 35 Seemeilen, also etwas über fünf Stunden. Aber: warum will man eigentlich nach Vejle?

Immerhin liegt dieser Ort am Ende des Vejle Fjord, der ein ganzes Stück in das dänische Festland einschneidet und dessen Ufer eher unspektakulär sind.

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Vejle

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Vejle 55.711311, 9.536354

 

Nein, normalerweise wäre Vejle kein Ziel, auf das wir selbst gekommen wären. Aber: wir waren in der Pflicht. Ein Besuch des Legoland war Lena und Leo schon lange, zu lange, versprochen. Mit dem Bus ist das Legoland von Vejle aus in etwas über einer halben Stunde bequem zu erreichen, und unseren Bordhondje dürfen wir auch mitnehmen.

„Ein Vertrag ist ein Vertrag ist ein Vertrag“ lautet die 17. Erwerbsregel der Ferengi, und sinngemäß angewendet bedeutet es für uns: „versprochen ist versprochen“. Das erklärt unser Ziel, von den schwedischen Westschären aus in die Nähe des dänischen Festlandes zu kommen. – was wir mit einer 120 Seemeilen Passage über Nacht erreicht hatten.

Im besten Sinne unspektakulär ist nun heute die Fahrt. Je näher wir dem dänischen Festland kommen, desto ruhiger wird der Seegang, bis im Vejle Fjord schließlich gar keine Schiffsbewegungen mehr zu spüren sind. Die Stimmung ist gut, Leo und Lena freuen sich, dass wir es nun offensichtlich bis Vejle und damit zum Legoland schaffen.

Ein gut ausgetonntes Fahrwasser führt uns das letzte Stück zum Hafen, abseits der Tonnen wird es schnell sehr flach und so halten wir uns sehr genau an den Tonnenstrich. Viele freie Plätze bieten eine große Auswahl, und so sind wir schnell fest – auch wenn der Fingersteg etwas länger sein könnte.

Fest im großen Hafen von Vejle, allerdings mit etwas zu kurzem Fingersteg.
Fest im großen Hafen von Vejle, allerdings mit etwas zu kurzem Fingersteg.

Der Wind nimmt aber weiter ab, große Last auf den Leinen ist nicht zu erwarten, daher bleiben wir hier liegen, schauen uns das Hafengebiet an und kundschaften die Buslinie nach Billund aus.

Direkt am Wasser wird viel gebaut und neu gemacht, Vejle bekommt hier ein völlig neues Gesicht. Die wellenförmigen Bauten (gut zu sehen im ersten Foto oben) sind sehr modern und frischen das Ambiente auf. Es ist längst noch nicht alles fertig – doch das, was schon steht, erinnert uns etwas an die Hafencity in Hamburg: Sehr schick, aber – noch – etwas leblos.

Nachdem wir im Rahmen der Buslinienforschung tiefer in den Ort eingedrungen sind und dabei durch ein eher ungemütliches Industriegebiet marschieren mussten, verstehen wir aber, dass Vejle gut eine architektonische Auffrischung gebrauchen kann, die hoffentlich neue Bewohner anzieht. Es lohnt sich bestimmt, in ein paar Jahren noch einmal vorbeizuschauen.

Nachdem für die morgige Fahrt nach Billund alles geklärt ist, haben wir unser Tagwerk vollbracht und die Familie gönnt sich noch ein Eis. Der Skipper allerdings ist ein prinzipientreuer Mensch, was nicht immer ein Vorteil ist: In diesem Fall ist das Ergebnis, dass er seiner genussvoll schleckenden Familie zuschaut. Denn seitdem vor vielen Jahren eine völlig sorglos ausgesprochene Einladung zum Eis für die ganze Familie ein Loch, nein vielmehr einen Krater biblischen Ausmaßes in die Bordkasse gerissen hatte, schwor sich der Skipper: In Dänemark kein Eis mehr.

Tatsächlich sind Eisdielen in Dänemark locker drei bis viermal so teuer wie in Deutschland oder Schweden. Eine Erklärung dafür hatte bisher niemand liefern können, zumal andere Lebensmittel längst nicht diesen Preisaufschlag haben. Vielleicht gibt es eine Luxussteuer auf Eiscreme?

Die Familie mit der edlen Kaltcreme in und der Skipper mit dem Hondje an der Hand schlendern wir so durch das Industriegebiet zurück zum Hafen und lassen den Tag entspannt ausklingen.


Der nächste Tag ist schnell erzählt: Alles klappt wie geplant, wir kommen mit dem Bus problemlos direkt bis vor die Tore des Legolands. Die Kinder sind das erste Mal hier, freuen sich und testen ein Fahrgeschäft nach dem anderen, und für uns Eltern ist auch das eine oder andere dabei. Nachmittags spazieren wir in alle Ruhe durch den Park und bewundern die Kunst der Legobauer.

Wenn sich Lego-Autos oder -Schiffe bewegen erinnert es ein wenig an das Miniatur-Wunderland in Hamburg, wo das Spiel mit der Bewegung aber um Größenordnungen ausgefeilter ist. Hier steht ja aber auch eher im Vordergrund, was alles mit Legosteinen gebaut und ausgedrückt werden kann – und das ist schon beeindruckend. Und schön anzusehen.

„Schau mal!“

„Da, guck mal!“

„Nein, wie süüüüüüüß!“

„Oh, that’s sweet. Darling, have a look!“

Für uns alle ist es letztlich ein schöner, anstrengender Tag. Vor allem Ole ist am Nachmittag völlig erledigt von all den Menschen und Eindrücken, und so gelten obige Ausrufe auch nicht irgendwelchen Legofiguren, Maskottchen oder Kuscheltieren, sondern unserem Hondje wie er wie ein Baby in Steffis Armen liegt und schläft, während wir auf einer Bank eine Pause machen.

Vorher hatte Ole ein Highlight: Er hat ein Kooikerhondje-Mädchen fast gleichen Alters getroffen! Als ob er wüsste, dass die Wahrscheinlichkeit für so ein Treffen sehr, sehr gering ist, wurde die Begegnung entsprechend ausgekostet.

Der Duft der Frauen.
Der Duft der Frauen.

 


Ein paar Tage sind vom Urlaub noch übrig, und wir möchten so schnell wie möglich nach Ærø, wo eine eng befreundete Familie urlaubt und mit denen wir gerne noch etwas Zeit verbringen möchten. Etwas über 70 Meilen sind es bis Ærøskøbing, bei normaler Fahrt schon fast elf Stunden. Im kleinen Belt rund um Middelfahrt ist aber eine spürbare Strömung zu erwarten, und vermutlich von Süd nach Nord setzend, also genau gegenan. Und so rechnen wir eher mit dreizehn Stunden oder sogar mehr. 

Also geht es wieder einmal sehr früh los, um 0330. Steffi und ich stehen um viertel nach drei auf, es ist schon recht spät im Jahr und daher ist es: stockdunkel. Mitten in der Nacht abzulegen und sich durch ein enges Fahrwasser zu tasten haben wir bisher noch nicht gemacht, da wartet also eine neue Erfahrung.

In so einer Situation ist ein Segler im Vorteil: Im offenen Cockpit gibt es keine Scheiben, die dem nächtlichen Restlicht Widerstand bieten und die Sicht erschweren. Am Außensteuerstand stehend sehe ich so tatsächlich nicht viel. Der Hafen selbst ist natürlich beleuchtet, aber schon die Ausfahrt versteckt sich etwas in der Dunkelheit und die unbefeuerten Tonnen des Fahrwassers sind schlicht gar nicht zu sehen.

Steffi leuchtet daraufhin die jeweils nächste Tonne mit unserer hellen LED-Taschenlampe an, und das Radar stellt die Tonnen auch im absoluten Nahbereich halbwegs sichtbar dar. Unser fast 20 Jahre altes Raytheon Radar ist sehr zuverlässig für die Kollisionsverhütung auf offener See, die Auflösung von vielen kleinen, sehr nahen Objekten allerdings ist nicht so sauber. Ein modernes Pulskompressions- oder Broadband-Radar würde hier weitaus bessere Ergebnisse liefern.

Die Kombination aus Taschenlampe und altem Radar funktioniert aber letztlich gut, und so kommen wir zwar langsam, aber sicher durch die Rinne in den tieferen Bereich des Fjords. Dort lasse ich den Autopiloten übernehmen, Steffi legt sich wieder schlafen und ich habe Zeit, um mit Belichtungszeit und Blende meiner Kamera zu spielen.

Die See ist sehr ruhig, und so gelingen mir tatsächlich ein paar schöne Aufnahmen:

Die JULIUS im Vejle Fjord beim allerersten Morgenlicht.
Die JULIUS im Vejle Fjord beim allerersten Morgenlicht.
In der Dunkelheit, die dank langer Belichtung so dunkel gar nicht scheint.
In der Dunkelheit, die dank langer Belichtung so dunkel gar nicht scheint.
Der Innenfahrstand in der Nacht.
Der Innenfahrstand in der Nacht.

Der Wind ist sehr zurückhaltend, und so kreuzen wir langsam in Richtung kleiner Belt. Dort, direkt am Eingang des Belts, hängen einige Nebelschwaden, das Licht des frühen Morgens ist diffus und unwirklich. In dieser dicken, feuchten Luft ist es ganz leise. Auf dem Achterdeck stehend nehme ich diese besondere Stimmung in mich auf, höre, wie die JULIUS durch das Wasser gleitet während entfernt und beständig die sonore Stimme des Schiffsdiesels die immer gleiche, beruhigende Melodie singt.

„Schön. Einfach schön.“ denke ich, und lasse meinen Blick noch mal in die Runde schweifen. Da sehe ich einen einsamen Segler, dem es egal ist, ob da irgendeine Bewegung in der Luft ist, die in antreiben könnte. Er steht da einfach, im Zwielicht dieses Morgens, der von einem Künstler entworfen zu sein scheint. „Kann ich das im Foto einfangen…?“ sinniere ich, hole meine Kamera und versuche es:

Der einsame Segler, dem es egal ist, ob da Bewegung in der Luft ist, die ihn antreiben könnte.
Der einsame Segler, dem es egal ist, ob da Bewegung in der Luft ist, die ihn antreiben könnte.

Tatsächlich finde ich eine Einstellung, die eine Ahnung dieses Moments fotografisch festhält. Ich freue mich über die Aufnahme und schaue dem Segler noch eine Weile nach, während wir uns mit signifikant unterschiedlichen Geschwindigkeiten voneinander weg bewegen.

Obwohl: Schnell sind wir gerade nicht mehr. Je tiefer wir in den Belt einfahren, desto stärker wird die Strömung, die wie befürchtet gegenan setzt. Einer Fahrwassertonne macht den Strom sichtbar, der unsere Geschwindigkeit auf eben über vier Knoten bremst.

Das Wasser strömt mit über zwei Knoten gut sichtbar an der Tonne entlang.
Das Wasser strömt mit über zwei Knoten gut sichtbar an der Tonne entlang.

Aber wir haben Zeit, der Tag ist noch sehr jung, und je breiter der Belt nachher wird, desto weniger Strömung wird sein. Später lichtet sich der Dunst und ein fast blauer Himmel verschönert unsere Fahrt.

Im südlichen Teil des kleinen Belts lichtet sich der Dunst, die Sonne lacht - eine schöne Fahrt.
Im südlichen Teil des kleinen Belts lichtet sich der Dunst, die Sonne lacht – eine schöne Fahrt.

Am frühen Nachmittag erreichen wir Ærøskøbing, wo wir eigentlich in der beliebten Bucht mit den hyggeligen Strandhäusern ankern wollten. Doch der Wind hat ein wenig aufgefrischt, genau aus der einzigen Richtung, zu der die Bucht ungeschützt ist. Nein, da zu liegen wird heute keinen Spaß machen.

Wir fahren noch ein kleines Stück weiter, bis zu der Einfahrt zum Hafen von Ærøskøbing, in dessen Nähe ebenfalls ein guter, wenn auch etwas weniger hübscher, Ankerplatz ist. Der Anker fällt, hält und wir haben ein weiteres großes Stück geschafft.

Ole genießt die Sonne auf dem Achterdeck.
Ole genießt die Sonne auf dem Achterdeck.

Mit dem Schlauchboot fahren wir das kurze Stück zum Hafen, wo bereits unsere Freunde warten und uns herzlich in Empfang nehmen. Wir verbringen eine erste, schöne Zeit miteinander, bis zum frühen Abend, der uns mit Kälte zurück zum Boot und unsere Freunde in ihr Ferienhaus treibt.

Wir werden ein paar Tage auf Ærø sein, und für morgen haben wir uns schon in Marstal verabredet.

„Marstal ist ja nur ein kurzes Stück, wir können morgen also zu einer entspannten Zeit losfahren…“

Beginnt der Skipper zu seiner Crew gewandt beim Abendbrot: Allerseits zufriedene Gesichter.

„…so um sieben Uhr reicht völlig.“

Schließt er den Satz und drei Augenpaare schauen ihn zunehmend entgeistert an. Sogar Ole hebt den Kopf und scheint zu überlegen, was sein Chef wohl gesagt haben mag. Aber alle kennen die Strecke eigentlich und so nehmen sie ihren Skipper nur halb ernst. Und natürlich reicht eine Abfahrt irgendwann am Vormittag und wir können es morgen wirklich ruhig angehen lassen.

Der alte Hafen von Ærøskøbing, wo wir nur mit dem Schlauchboot festgemacht haben.
Der alte Hafen von Ærøskøbing, wo wir nur mit dem Schlauchboot festgemacht haben.

Dieser Eintrag spielt am 14., 15. und 16. August 2016.

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