Quantum von Raymarine: Für wen ist diese neue Radarantenne geeignet?

Ich hatte ja vor der boot 2016 über die neue Radarantenne Raymarine Quantum (Artikel hier) geschrieben. Auf der boot habe ich mir nun diese Antenne angeschaut und mit einem Techniker gesprochen.

Raymarine Quantum Radarantenne auf der boot 2015
Raymarine Quantum Radarantenne auf der boot 2015

Generell sind Solid State Radarantennen („Broadband“ heißt es bei Lowrance, Simrad und B&G) sehr gut für den Nahbereich und schlecht im Fernbereich. Gilt das auch für das Raymarine Quantum? 

„Moin, ich habe ein älteres Raymarine 24 Zoll Radar, das ich vor allem im Fernbereich nutze um Objekte zu lokalisieren, die mir auf offener See zu nahe kommen. Macht es Sinn, auf die neue Quantum Radarantenne umzusteigen?“ war meine direkte Frage an einen Raymarine Techniker.

Seine erfrischend offene und ehrliche Antwort war: „Nein, auf keinen Fall!“.

Wie schön! Offensichtlich hatte ich keinen Vertriebsmenschen, sondern einen echten Techniker erwischt. Ich schätze es sehr, wenn ein Hersteller ehrlich ist und nicht ständig den Eindruck macht, mir um jeden Preis etwas verkaufen zu wollen.

Es ist tatsächlich so, dass natürlich auch Raymarine die Physik nicht überlisten kann: Ein großer Vorteil eines Solid State Radars wie Quantum ist der sehr geringe Energieverbrauch. Aber genau deswegen ist es im Fernbereich (ab drei Meilen) schlecht bis nutzlos.

Denn: Um auf größere Entfernung arbeiten zu können, müssen die Radarimpulse ein gewisses Maß an Energie haben, sonst sind sie einfach zu schwach. Die genaue Effektivität konnte mir der Techniker noch nicht sagen, da die Antenne noch sehr neu ist und er selbst noch keine Erfahrung damit hat – was übrigens auch gut zu hören ist, dass hier nicht einfach Marketing-Unterlagen nachgequatscht werden.

Nach dem, was er bisher weiß, sollte Raymarine Quantum wohl sehr gut im Bereich von wenigen Metern (!) bis drei Seemeilen sein. Ab dann kann es schon sein, dass Objekte nicht mehr zuverlässig erkannt werden.

Übrigens sei in diesem Zusammenhang noch erwähnt, dass Marketing-Aussagen wie „Reichweite von 24 Meilen“ ohnehin völliger Unsinn sind. Denn die Reichweite eines Radars hängt ja auch von der Höhe ab, auf der die Radarantenne montiert ist. Um 20 Meilen weit gucken zu können, braucht es schon einen sehr hohen Mast, den die meisten Boote (vor allem Motorboote) nicht haben.

Unter dem Strich steht: Die Raymarine Quantum Radarantenne ist m.E. nach in diesen Situationen interessant:

  • Ansteuerung von Häfen oder Ankerplätzen in der Nacht und bei dickem Nebel.
  • Im Binnenbereich (jedenfalls dort, wo man kein Radarpatent braucht).
  • Im Nahbereich auf Segelbooten, die auf den Stromhaushalt achten müssen.

Wer wie wir auf offener See unterwegs ist und das Radar vor allem für die Kollisionsverhütung einsetzt, kann beim klassischen Radar bleiben. Oder, wer Geld und Aufwand nicht scheut, schafft eine optimale Lösung mit zwei Radarantennen: Einmal klassisch und einmal in der Solid State Version.

Update zu Raymarine Quantum März 2017

Quantum gibt es nun seit einiger Zeit und es liegen erste Erfahrungen vor (u.a. gibt es einen detaillierten Bericht in der Palstek 6/2016, hier kann der Artikel einzeln gekauft werden). Daraus ergibt sich, dass meine Aussage „ab drei Seemeilen ist Quantum nicht mehr zuverlässig“ nicht korrekt ist – Quantum kann schon ein paar Meilen weit sehen.

Darüber hinaus bietet Quantum die nötige Hardware, um gefährliche Ziele (d.h. Ziele, die auf das eigene Boot zu fahren) automatisch erkennen (Stichwort: „Doppler-Effekt“). Die Mitbewerber Furuno NXT und Garmin Fantom können das bereits. Ob und wenn ja wann Raymarine diese Funktionalität mittels Software-Update nachliefert ist bisher nicht bekannt. Es ist allerdings wahrscheinlich, dass daran gearbeitet wird.

Hier weiterlesen:


3 Kommentare zu “Quantum von Raymarine: Für wen ist diese neue Radarantenne geeignet?

  1. Markus

    Mal ein neuer Aspekt, an den man nicht sofort denkt, wenn man die Werbung des Herstellers liest. Anderseits fällt mir aber sofort ein Werbeslogan eines Radarherstellers ein: „100% aller Kollisionen ereignen sich im Nahbereich bei 0 sm Abstand“
    Vielleicht ist die gangbarste Lösung eine Kombination von Solid State Radar mit AIS. Sollte man es mit einem schnellen Intruder zu tun haben, bei dem Ausweichmaßnahmen früh eingeleitet werden müssen, so ist anzunehmen, dass dieser auf dem AIS sichtbar ist. Einen ähnlichen Weg beschreitet man übrigens in der Luftfahrt (Primary and Secondary Radar), wo Langstrecken-Primärradar meißt nur noch vom Militär eingesetzt wird um Ziele zu orten, die nicht geortet werden möchten.

    1. Julian Buß

      Ja, ideal wäre ein Impuls-Radar für den „Fernbereich“ (über 8 Meilen) und ein Solid-State für den Nahbereich. Aber für fast alle Yachten ist das ja völlig unrealistisch. Daher würde ich heute auch ein Quantum (oder vergleichbares Produkt von anderen Herstellern) wählen und AIS in das Radarbild integrieren (das können die MFDs problemlos).

      Ich habe gerade auch ein kleines Update unter den Artikel geschrieben: Meine Vermutung, dass Quantum schon ab 3 Meilen schlecht sieht, stimmt so wohl nicht – etwas weiter kann Quantum wohl gucken.

      Vermutlich dieses Jahr werde ich mein altes Radar tauschen, und dann vermutlich gegen das Quantum – dann habe ich eigene Erfahrungen und kann berichten 🙂

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