Mostly harmless: IJsselmeer. Und irgendwann reicht es dem Skipper.

Wieder eine weite Wasserfläche: Das Ijsselmeer liegt vor uns.

„Ein Mega-Outlet? Ja, da müssen wir natürlich unbedingt hin.“

Meine ich nicht frei von Ironie, als es um die weitere Törnplanung geht. Wie liegen in Lemmer und haben die Kanäle vorerst verlassen. Die Binnenmeere ähneln meinem Gefühl nach überschwemmten Wiesen und die Karte zeigt, dass auch das „große“ IJsselmeer nicht wesentlich anders ist: Tief ist es hier nirgends, fast überall stehen nur so drei oder vier Meter Wasser.

Das andere Ufer, dort wo beispielsweise das wohl sehr schöne Enkhuizen liegt, ist nicht zu sehen. Das IJsselmeer ist also eine offenere Wasserfläche, die meinen Drang nach Freiheit wieder etwas bedient.

Erstmal soll es aber nach Lelystad gehen: Dem Mega-Outlet mit nebenliegendem Hafen. Unzählige Läden für Klamotten aller Marken. Ein Paradies – für die weibliche Crew. Ich habe lange nicht verstanden, warum gerade im Urlaub geshoppt werden soll. Im Urlaub!

„Natürlich im Urlaub, gerade dann habe ich doch Zeit und Ruhe.“

Wurde es mir dann aber mal erklärt. Ein valides Argument, das ich persönlich nicht teile, dem ich aber auch nicht widersprechen kann.

„Heute und morgen ist es warm und sonnig. Lass und lieber erstmal nach Enkhuizen, auf die andere Seite.“

Bringe ich ein ebenfalls ziemlich valides Argument auf den Tisch. Außerdem können wir in Enkhuizen mal wieder etwas ganz außergewöhnliches machen: ankern.


Einer der unzähligen Traditionssegler fährt sehr entspannt durch die eigentlich eher kleine Schleuse bei Lemmer.

Ich drücke den „Auto“ Knopf am Steuergerät und freue mich: Ich darf nun aufstehen und muss nach Tagen mal nicht am Ruder stehen. Die Sonne scheint, es ist kaum Wind und relativ warm: Für zwei Tage gibt der Sommer wieder ein Gastspiel. Er hat die Bühne in diesen Tagen sonst häufig seinem Kumpel, dem Herbst, selbstlos überlassen.

„Es ist Sommer. Also trage ich eine kurze Hose.“

So der Sohn auf die Frage, warum er in den letzten Herbsttagen trotzig eine kurze Hose trug, während wir in langer Hose, Pullover und Jacke unterwegs waren. Ein Mann mit Prinzipien – das gefällt mir.

Heute, an diesem Donnerstag, ist aber Sommer. Und morgen, am Freitag, wohl auch noch. So genießen wir alle die – kurze – Fahrt über das IJsselmeer nach Enkhuizen.

Enkhuizen bietet einen an den Küsten des IJsselmeeres kostenbaren, seltenen Schatz: Eine Ankerbucht. Direkt neben der großen Marina, sehr beliebt und nicht kostenlos.

Wir finden einen Platz mit viel weniger Abstand zu anderen Booten als gewohnt und geliebt, aber: Keine Menschen, die neben uns entlang spazieren. Keine anderen Boote direkt vor und hinter uns. Die JULIUS schwojt sanft mal in die eine, mal in die andere Richtung – ja, wir liegen tatsächlich mal wieder vor Anker.

Vor Anker in Enkhuizen. Im Hafenbüro muss eine (kleine) Gebühr bezahlt werden.

Und es gibt noch einen weiteren Schatz hier. Nicht ganz so selten wie eine Ankerbucht, aber der erste, den wir sehen: Ein Strand.

Frieslands Meere sind im Binnenland und haben daher naturgemäß keine Strände (bis auf hier und da aufgeschüttete Sandfleckchen). In einigen Orten am IJsselmeer dagegen gibt es mehr oder weniger lange Strände. Makkum ist so ein Ort. Und eben Enkhuizen.

Der schnellste Weg zu diesem Stück Strand verspricht eine kurze Tour mit dem Dinghy zu sein: Aus der Ankerbucht heraus, um die Landspitze herum, durch ein Kite-Gebiet – kein ganz kleines Stück. Aber eben dafür können die 20 Pferde am Heck unseres Zodiacs so drücken, dass wir auch mit vier Personen und Hund gleiten und damit schnell fahren können.

Heute, an diesem Donnerstag, ist es wirklich warm. Und die Sonne scheint ungehindert. Wir ziehen Badesachen an, packen Handtücher ein und tuckern gemächlich aus der Bucht von Enkhuizen heraus. Im freien Wasser lasse ich alle Pferde galoppieren und zehn Minuten später sehen wir die Seltenheit tatsächlich mit eigenen Augen: Ein Strand liegt vor uns.

Kurz vor dem abgesperrten Nichtschwimmerbereich stellt sich Ole auf und stützt sich mit seinen Vorderpfoten hoch auf den Rand des Bootes. Er hat schon länger sehr interessiert in Richtung Ufer geguckt und schnuppert nun angestrengt. Ich mache den Motor aus und werfe den kleinen Anker des Beibootes. Den Rest des Weges müssen wir schwimmen oder vielmehr: Gehen. Denn auch wenn wir noch deutlich vor dem Nichtschwimmerbereich sind heißt das ja nicht, dass es hier tief ist.

Mutig lässt Lena sich als erste über die Bordwand gleiten – und steht nur bis zur Brust im Wasser. Sofort gibt es auch kein Halten mehr für den Hund: Ole ist mit einem Satz über Bord gesprungen. Als ja nur mittelgroßer Hund mit deutlich kürzeren Beinen als Lena kann er hier nicht stehen und zieht daher schwimmend einige Kreise um meine Tochter.

Dann wandern wir alle über den sehr weichen Grund und durch das Wasser zum Stand. Ole folgt uns schwimmend und deutlich hörbar durch die Nase schnaufend. Über die Nichtschwimmer-Absperrung macht er einen Satz, es sieht aus, als würde er über die Leine springen – ein witziger Anblick und schwer verständlich, wie der Hund das macht.

„Hol!“ – und Ole watet und springt und schwimmt durch das Wasser und freut sich.
Der Strand bei Enkhuizen.

Das IJsselmeer ist ein Binnenmeer. Das Wasser ist nicht klar wie in der Ostsee, eher trübe. Wer gerne den Grund beim Baden sieht wird hier nicht glücklich. Wir verleben aber ein paar sommerliche Stunden und vermerken gedanklich, dass wir im Sommerurlaub tatsächlich auch einmal gebadet haben.

Später erkunden wir den Ort: Schön, knuffig, gepflegt, mit viel Wasser und Schiffen. Und heute auch voll von Leben, eine Combo macht Musik, überall sind Stände aufgebaut und wir wandern durch einen sommerlichen Abend voll Atmosphäre und entspannten, freundlichen Menschen.

Schiffe und Boote in Kanälen, die sich durch Enkhuizen ziehen.
Sommerliche, friedliche Atmosphäre, voll von Leben.

Am Freitag dann ist auch noch Sommer und wir hüpfen kurz wieder rüber auf die andere Seite nach Lelystad. Zum Mega-Outlet. Als wir ankommen klopft schon wieder der Herbst an die Tür: Es wird kälter, Wolken ziehen auf und der Wind legt deutlich zu.

Leo, Ole und ich warten geduldig bis Steffi und Lena ihre Shoppingtour beendet haben. Wir wandern durch den Hafen, an der Promenade und vertreiben uns die Zeit. Irgendwie eine komische Ecke hier: Am Hafen steht völlig einsam ein großes Gebäude mit Wohnungen und ein paar Restaurants. geprägt von einer besonderen Architektur. Mit einigem Abstand dann weitere, sehr normale Wohnhäuser. Der eigentliche Ort ist sehr weit weg. Außer Outlet-Shopping ist hier unserem empfinden nach tatsächlich nichts zu tun.


In den folgenden Tagen tuckern wir wieder durch das Kanalsystem Frieslands. Durch Schleusen mit großem oder auch mal keinem Hub. Mal einsam und mal völlig überfüllt. Ich fühle mich zunehmend gelangweilt und wir beschließen, via Makkum wieder in das IJsselmeer und durch die große Schleuse und einem kleinen Stück Wattenmeer nach Harlingen zu fahren.

Makkum kennen wir gut von einigen Frühjahrsurlauben in einem Ferienhaus. Ein netter, schöner, knuffiger Ort. Wie eigentlich so ziemlich jeder Ort auf dieser Reise bisher. Makkum allerdings hat einen Strand, der im Sommer bestimmt sehr schön ist. Jetzt, wo wir wieder Herbst haben und – bis auf Leo und Lena – in langer Hose, Pulli und Jacke unterwegs sind, bietet der Strand nur wenig Attraktivität.

Einsame Schleusen mit großem Hub und interessantem Bewuchs an den Mauern…
…und volle Schleusen ohne Mauern und ohne Hub.
Sehr ruhiger Platz im sehr ruhigen Makkum.

Die Gezeiten auf der Nordsee sind super, wenn ich sie zum Vorteil ausnutzen kann. Meistens aber machen sie vor allem Arbeit und schreiben ungünstige Abfahrtszeiten vor. Jetzt aber freue ich mich richtig darüber, mal wieder einen Blick in den Tidenkalender werfen und eine sinnvolle Zeit zum ablegen berechnen zu können. Und durch die große Seeschleuse im Deich, der das IJsselmeer von der Nordsee trennt, wollte ich auch schon immer mal fahren.

Auch hier läuft alles niederländisch gewohnt entspannt ab und wir kommen zügig in das Wattenmeer, wo uns sofort starke Strömung packt und in Richtung Harlingen schiebt. Es ist ordentlich Wind, durch die vorgelagerten Sände aber nur eine kleine, kurze Welle. Ich genieße die Fahrt durch ein zwar enges Fahrwasser mit ordentlich Verkehr und teilweise engen Begegnungen mit großen Berufsschiffen – aber ich spüre: Ich bin wieder auf dem Meer.

„Nein, guck mal, mach das besser so…“

Ein freundlicher Holländer kommt auf mich zu, als ich nach dem Anlegen in Harlingen mit den Leinen puzzel. Wir liegen in dem tideabhängigen Teil von Harlingen, das Boot wandert also ständig auf und ab. Die Leinen dürfen also nicht zu kurz sein, damit sich die JULIUS nicht aufhängt. Wenn sie lang sind und es ist Hochwasser, treibt das Boot aber sonstwohin. Wie wird dieses Problem gelöst?

Der Holländer hilft mir, die nötige Länge der Leinen einzuschätzen und das Boot überkreuz zu vertäuen. Der Tidenhub beträgt sicher zwei Meter. Wie bekomme ich bei Niedrigwasser wohl den Hund auf die Mauer?

Zur Sicherheit gehen wir jetzt erstmal mit Ole und erkunden den Ort. Es ist ein netter, schöner, knuffiger Ort – wieder einmal. Hat aber durch die Verbindung zum Meer doch einen etwas anderen Charakter, was uns sehr gut gefällt.

Ordentlich Wind und Strom im Wattenmeer, aber eine schöne und ruhige Fahrt nach Harlingen.
Im tidenabhängigen Hafen von Harlingen. Ein Ort mit einem etwas anderen Charakter.

Im stillen und für mich denke ich über eine Weiterfahrt durch das niederländische Watt nach: Da sind die Inseln Terschelling und Ameland, und bei Lauwersoog könnten wir auf die Nordsee und weiter nach Borkum. Aber da sind ein paar Wattenhochs auf dem Weg, die über einen Meter hoch sind. Wie viel Tidenhub war hier noch gleich? Zwei Meter? Dann reicht das ja im Leben nicht: Ein Meter Höhe minus zwei Meter Tide ergeben einen Meter Tiefe. Da fehlen locker 50 Zentimeter. Ich lerne in diesem Jahr: 1,5m Tiefgang sind für das Watt im Grunde schon zu viel.

Außerdem haben wir trotz des gefühlten Herbstes Hochsaison und die Inseln werden völlig überlaufen sein. Also lassen wir das und steigen hier in Harlingen wieder in das Kanalsystem ein. Via Leuwaarden können wir zum Lauwersmeer fahren, eine mehr oder weniger große Wasserfläche, die direkt an die Küste grenzt. Über eine Schleuse von Lauwersoog können wir von dort dann in die Nordsee fahren.

„Schau mal, wer da kommt…“

sage ich zu Steffi, als ein kleines, rotes Stahl-Segelboot hinter uns festmacht. Dieses rustikale, aber sehr sympathisch aussehende Boot begleitet uns eigentlich schon den ganzen Urlaub: Das erste mal habe ich es in Helgoland gesehen, danach trafen wir uns an verschiedenen Punkten in Holland und nun hier. Gesegelt wird es einhand von einer ebenso rustikal aber sympathisch aussehenden Frau.

Diese bringt nur erstaunlich kurze Leinen aus. Ich sitze auf unserem Achterdeck, ein Bier in der Hand, und schaue ihr zu. Nachdem ihr Boot fest ist, verschwindet sie in der Kajüte, während ich mich über die kurzen Leinen wundere. Sie wird doch wissen, wie viel Tidenhub hier ist? Oder habe ich mir einfach viel zu viel Arbeit gemacht und meine Leinen sind eigentlich zu lang? Aber was, wenn ich Recht habe und ihr Boot hängt sich bei der nächsten Ebbe auf? Soll ich rüber gehen und was sagen?

„Ja genau, da kommt der Deutsche von seinem dicken Motordampfer mit dem Bier in der Hand und sagt der Einhandseglerin, wie sie ihr Boot festmachen sollte…?“

Denke ich für mich. Und beschließe, dass sie so aussieht, als wäre sie nicht das erste Mal unterwegs. Vermutlich hat sie Recht und ich habe mein Boot zu umständlich fest gemacht. Also gehe ich nicht rüber und schaue nur zu, wie sie ihr Boot verlässt und in den Ort spaziert. Eigentlich schade, das wäre doch ein guter Gesprächsanfang gewesen.

Während das Wasser fällt achte ich auf ihre Leinen und bin froh, dass ich nichts gesagt habe: Denn natürlich wusste sie, wie es geht. Wenn ich schon noch unerfahren beim Festmachen im Tidenrevier bin, so kann ich wenigstens einschätzen, ob ein anderer Skipper weiß, was er macht – das ist doch auch etwas.


In den nächsten zwei Tagen wasserwandern wir durch Leuwaarden zum Lauwersmeer. Vor Leuwaarden ist ein richtiger Stau: An einer Brücke wird gearbeitet und sie bleibt stundenlang geschlossen. Charterboote warten zusammen mit privaten Booten davor, ohne, dass es genug Möglichkeiten zum Festmachen gäbe. Die Kunst so zu manövrieren, dass das Boot auf der Stelle steht, ist unterschiedlich ausgeprägt und hängt nicht nur davon ab, ob es ein Charterboot ist oder nicht. Der Skipper einer großen und sehr teueren Privatyacht stellt sich dabei ausnehmend ungeschickt an und so wird die Wartezeit durch ein wenig Manöverkino verkürzt.

Irgendwann öffnet die Brücke dann doch und ein langer Strom von Yachten tuckert durch die Grachten von Leuwaarden – wir irgendwo mitten drin. Jeder sucht einen Parkplatz, und auch hier sind die Fähigkeiten, seinen Dampfer einzuparken, unterschiedlich ausgeprägt. Es ist echt genau so wie auf der Straße, beispielsweise in Hamburg Altona in einer engen Wohnstraße abends, wenn alle von der Arbeit kommen.

Ein langer Strom von Booten sucht Parkplätze in Leuwaarden.

Es ist deutlich ruhiger, als wir am nächsten Tag von Leuwaarden nördlich in einen kleinen Weg abseits der Hauptrouten abbiegen und nach Norden in Richtung Küste fahren. Die Sonne hat es nun vorerst auch aufgegeben, die frischen Temperaturen angenehmer zu gestalten: Nun ist es grau und nieselig.

So kommen wir zum Lauwersmeer. Eine immer weiter werdende Wasserfläche – das gefällt uns gut. Bei diesem Wetter allerdings ist die Unternehmungslust eingeschränkt. Wir sehen zu, dass wir nach Lauwersoog kommen wo wir – schon das zweite Mal in diesem Urlaub! – ankern können.

Mit dem Hund müssen wir an Land und spazieren. Es ist nass und kalt, aber dagegen können wir uns ja anziehen. Ich inspiziere schon mal die Schleuse und den Außenhafen, sonst ist hier nichts zu sehen. Während es kühl ist und regnet wird es gemütlich in unserem vor Anker liegenden Boot: Ich mache die Heizung und die Petroleumlampe an. Mir reicht es mit Kanalfahrt nun wirklich. Morgen geht es endgültig zurück aufs Meer.

In der Zufahrt zum Laufwersmeer. Bei besserem Wetter ein schöner Platz.

Diese Geschichte spielt vom 4. Juli bis 10 Juli 2019.

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